Fortpflanzung und Familie

I. Sich fortzupflanzen und eine Familie zu gründen wird üblicherweise als ein wesentlicher Aspekt guten Lebens verstanden. Im Mittelpunkt steht Elternschaft als ein durch und durch normatives Konzept. Indem Fortpflanzungstechniken in den Verlauf der klassischen Normalbiografien von Frauen und Männern eingreifen, vertraute Zeitstrukturen auflösen und eine Vielzahl neuer biografischer Entwürfe nicht nur ermöglichen, sondern gelegentlich auch nahezulegen scheinen, haben sie erheblichen Einfluss auf Vorstellungen eines guten Lebens. Ein Hindernis für eine tiefergehende Reflexion dieser so wichtigen Sinnfragen menschlichen Lebens stellt die in der medizinethischen Debatte üblichen Fixierung auf den Embryo dar – veranschaulicht durch die Einordnung als „Ethische Fragen am Lebensanfang“. Dabei ist es ebenso notwendig, die komplexen Lebensgeschichten und biographischen Verschränkungen der eigentlich handelnden Personen in ihrer Lebensmitte in den Blick zu nehmen.

Wiesemann, C. (2025). Fortpflanzung, Medizin und Zeiterleben. In S. Deppe, A. Clausen, I. Marcinski-Michel, M. Schweda, & C. Wiesemann (Eds.), Handbuch Medizin und Zeiterleben. Berlin, Heidelberg: J. B. Metzler. doi.org/10.1007/978-3-662-68418-4_35-1

Marcinski-Michel, I., & Wiesemann, C. (2025). Fortpflanzung. In DFG-Forschungsgruppe „Medizin und die Zeitstruktur guten Lebens“ (Ed.), Von A bis Z. Medizin und die Zeitstruktur guten Lebens (pp. 10-11). https://for5022.de/fileadmin/documents/Von_A_bis_Z_-_Medizin_und_die_Zeitstruktur_guten_Lebens__2_.pdf

Wiesemann, C. (2023). Fortpflanzung, Medizin und gutes Leben. Über einen systematisch vernachlässigten Zusammenhang. In H.-J. Ehni, G. Marckmann, R. Ranisch, & H. Tümmers (Eds.), Vita brevis, ars longa. Aktuelle Perspektiven zu Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (pp. 171-181). Stuttgart: Kohlhammer. https://www.researchgate.net/publication/379513462_Fortpflanzung_Medizin_und_gutes_Leben_Uber_einen_systematisch_vernachlassigten_Zusammenhang

Marcinski-Michel, I., & Wiesemann, C. (2024). Einleitung. Reproduktion und das gute Leben – Intersektionale Perspektiven. In I. Marcinski-Michel & C. Wiesemann (Eds.), Reproduktion und das gute Leben – Intersektionale Perspektiven (pp. 7-14). Bielefeld: Transcript.

Pietschmann, I., & Wiesemann, C. (2024). Ethische Aspekte fertilitätserhaltender Maßnahmen bei jungen krebskranken Personen. Die Onkologie, 30, 48–53. https://doi.org/10.1007/s00761-023-01421-x

King, V., Lodtka, P., Marcinski-Michel, I., Schreiber, J., & Wiesemann, C. (2023). Reproduktives Timing. Neue Formen und Ambivalenzen zeitlicher Optimierung von Fortpflanzung und ihre ethischen Herausforderungen. Ethik in der Medizin, 35, 43-56. https://doi.org/10.1007/s00481-022-00738-2

Wiesemann, C. (2018). Which Ethics for the Fetus As a Patient? In D. Schmitz, A. Clarke, & W. Dondorp (Eds.), The Fetus as a Patient. A Contested Concept and Its Normative Implications (pp. 28-39). London, New York: Routledge. https://www.researchgate.net/publication/329630620_Which_ethics_for_the_fetus_as_patient_A_Contested_Concept_and_its_Normative_Implications

II. Das deutsche Embryonenschutzgesetz entspricht mittlerweile, über 35 Jahre nach seinem Inkrafttreten, nicht mehr aktuellen wissenschaftlichen Standards. Viele ethische Fragen, damals noch hoch brisant, sind durch gute Begleitforschung beantwortet worden. Dagegen müssen reproduktive Selbstbestimmung und Gerechtigkeit stärker als bisher berücksichtigt werden. Auch die Rechte von Kindern sind in der derzeitigen Lage nicht angemessen gewährleistet.

Heyder, C., & Wiesemann, C. (2024). Was spricht aus ethischer Sicht für eine Legalisierung der Eizellspende? Zeitschrift für Medizinische Ethik, 70(1), 33-50. https://doi.org/10.30965/29498570-20240060  

Wiesemann, C. (2023). Pro Eizellspende. Das Verbot der Eizellspende in Deutschland sollte aufgehoben werden. Ethik in der Medizin, 35, 437-444. https://doi.org/10.1007/s00481-023-00774-6

Wiesemann, C. (2020). Ist ein Verbot der Eizellspende ausreichend begründbar? Eine ethische Analyse. In K. Beier, C. Brügge, P. Thorn, & C. Wiesemann (Eds.), Assistierte Reproduktion mit Hilfe Dritter. Medizin – Ethik – Psychologie – Recht (pp. 129-140). Heidelberg, New York: Springer. https://www.researchgate.net/publication/339361299_Ist_ein_Verbot_der_Eizellspende_ausreichend_begrundbar_Eine_ethische_Analyse

Wiesemann, C. (2015). Assistierte Reproduktion und vorgeburtliche Diagnostik. In D. Sturma & B. Heinrichs (Eds.), Handbuch Ethik (pp. 199-208). Stuttgart: J. B. Metzler. https://www.researchgate.net/publication/287198605_Assistierte_Reproduktion_und_vorgeburtliche_Diagnostik

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina zusammen mit Konrad-Adenauer-Stiftung: „30 Jahre Embryonenschutzgesetz“, 22. April 2021, https://www.youtube.com/watch?v=Q56y2UCUjB4&t=3668s

III. In der Medizinethik sind individualethische Ansätze vorherrschend. Doch wenn es um die Gründung einer Familie geht, stehen menschliche Beziehungen im Mittelpunkt. Sie prägen die besondere Verantwortung der entscheidenden Personen. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind muss in seiner Einzigartigkeit ernst genommern werden. Dazu habe ich einige grundsätzliche Arbeiten verfasst, die Beziehung, Verantwortung und Geburtlichkeit als Appell in den Mittelpunkt stellen.

Wiesemann, C. (2006). Von der Verantwortung, ein Kind zu bekommen. Eine Ethik der Elternschaft (Vol. 1  ). München: C. H. Beck. https://www.researchgate.net/publication/264516504_Von_der_Verantwortung_ein_Kind_zu_bekommen_Eine_Ethik_der_Elternschaft

Wiesemann, C. (2022). Mediating the Risks of Mutual Care: Families and the Ethical Challenges of Sibling Bone Marrow Donation. In C. Schües, C. Rehmann-Sutter, M. Jürgensen, & M. Herzog (Eds.), Stem Cell Transplantations Between Siblings as Social Phenomena. The Child’s Body and Family Decision-making (pp. 73-82). Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-04166-2_5

Wiesemann, C. (2021). Geburt als Appell. Eine Ethik der Beziehung von Eltern und Kind. In O. Mitscherlich-Schönherr & R. Anselm (Eds.), Gelingende Geburt. Interdisziplinäre Erkundungen in umstrittenen Terrains (pp. 173-186). Berlin: de Gruyter. https://www.researchgate.net/publication/351353486_Geburt_als_Appell_Eine_Ethik_der_Beziehung_von_Eltern_und_Kind

Wiesemann, C. (2015). Natalität und die Ethik von Elternschaft und Familie. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 2, 213-236. https://www.researchgate.net/publication/287198604_Natalitat_und_die_Ethik_von_Elternschaft_und_Familie

Beier, K., Jordan, I., Schicktanz, S., & Wiesemann, C. (2016). Familien und Patientenorganisationen als kollektive Akteure in der Bioethik: vernachlässigt und unterschätzt? In H. Steinfath & C. Wiesemann (Eds.), Autonomie und Vertrauen. Schlüsselbegriffe der modernen Medizin (pp. 163-200). Heidelberg: Springer. https://www.researchgate.net/publication/301268503_Familien_und_Patientenorganisationen_als_kollektive_Akteure_in_der_Bioethik_vernachlassigt_und_unterschatzt

Beier, K., Jordan, I., Wiesemann, C., & Schicktanz, S. (2016). Understanding Collective Agency in Bioethics. Medicine, Health Care and Philosophy, 19, 411-422. https://www.researchgate.net/publication/297598356_Understanding_collective_agency_in_bioethics

Wiesemann, C. (2010). The Moral Challenge of Natality: Towards a Post-traditional Concept of Family and Privacy in Reprogenetics. New Genetics and Society, 29, 61-71. https://doi.org/10.1080/14636770903561406